Jungenarbeit in der JugZ – Auszug aus dem Rahmenkonzept

An Körpermerkmalen (Statur, Stimme, Muskulatur, Geschlechtsorgane) unterscheiden bereits kleine Kinder, dass Menschen entweder weiblichen oder männlichen Geschlechts sind. Die biologischen „Funktionen” für jeden Menschen liegen fest.

Dass so grundlegend unterschiedliche körperliche Anlagen großen Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität von Mädchen und Jungen haben ist unstreitig. Wie stark dies das Verhalten vorbestimmt, und wo sich Veränderungen einstellen können, ist allerdings strittig (Anlage-Umwelt-Thesen). In unseren konzeptionellen Überlegungen gehen wir von drei Annahmen aus:

1. Kinder lernen durch alltägliches Miterleben. Mädchen können sich mit ihren weiblichen Bezugspersonen identifizieren. Jungen hingegen lernen ihre Rolle überwiegend durch abstrakte Erwartungen der sie erziehenden Frauen (Mütter, Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen). Echte nahe Beziehungen zu Männern erleben Jungen in den ersten 10 Lebensjahren selten. Die Väter sind meist abwesend und beteiligen sich zu wenig an der Erziehung. Ein neues positives Männerbild wird nur selten sichtbar vorgelebt.

2. Neben oder aus dem „biologischen Geschlecht” (engl.:sex) entwickeln alle Menschen eine „soziale Geschlechtsidentität” (engl.:gender). Geschlechtsspezifische Verhaltensweisen sind auch ein soziales Phänomen. Sie werden kulturell konstruiert und befinden sich in stetiger Entwicklung. Geschlechtsidentität ist die Summe vieler Regeln und Erwartungen, die sich zudem in jeder Kultur anders darstellen. Deutsche Familien beispielsweise vermitteln andere Bilder vom Zusammenleben der Geschlechter als die der MigrantInnen.

3. Jungen suchen nach Orientierung in ihrer Umgebung. Sie suchen nach lebendigen männlichen Vorbildern, da sie ansonsten zum Erlernen ihrer männlichen Identität nur auf die Vorstellungen von Frauen und die „Schablonen” der Medienwelt angewiesen sind. Die Fachmänner im Jugendzentrum sind neben den Lehrern an weiterführenden Schulen die ersten männlichen Erziehungspersonen, mit denen Jungen konfrontiert sind. Sie begleiten das Leben der Jungen über einige Jahre und werden z.T. zu Ersatzvätern. Diese wichtige Rolle wollen wir in der JugZ nutzen, um ein neues Verhalten zu fördern.

Präambel:

Unabhängig davon, ob ein Mitarbeiter im Jugendzentrum die Initiative zu einer reflektierten Jungenarbeit ergreift – er wirkt immer als Mann auf die Jungen und beeinflusst ihre Geschlechtsidentität. Es ist nicht möglich, sich herauszuhalten.

Aus Jungen werden Männer
Geschlechtsbezogene Jungenarbeit erfordert die Begegnung erwachsener Fachmänner mit männlichen Kindern und Jugendlichen. Erwachsene Fachmänner in der Jungenarbeit müssen sich der mit dem Mann-Sein verbundenen Werte und Normen, den widersprüchlichen Erwartungen und den Zwängen in hohem Maße bewusst sein/werden.
Erwachsen sein bedeutet für uns, die Grenzen der eigenen Möglichkeiten und die äußeren Einschränkungen zu kennen (Lebenserfahrung) – und trotzdem die Bereitschaft zu behalten, nach Wegen zu suchen, um diese individuellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu verändern. Wenig erwachsen erleben wir Männer und Jungen, die nur in den vorgegebenen Bahnen agieren, sich nicht der Mühe unterziehen begründete eigene Positionen zu entwickeln und dafür zu kämpfen. Sie ziehen statt dessen immer wieder an der gleichen Stelle „den Schwanz ein” oder schlagen um sich – ein Sieg im Jetzt, eine weitere Niederlage auf lange Sicht.

Parteilichkeit und Werte

Geschlechtsbezogene Jungenarbeit ist keine Methode. Sie ist eine professionelle Haltung und Sichtweise der Fachmänner.

Wir unterstützen parteilich männliche Heranwachsende in ihrer Entwicklung zu emotional-lebendigen, sozial-verantwortlichen und selbst-reflexiven Persönlichkeiten. Jeder Junge wird individuell wahrgenommen und als entwicklungsfähige Persönlichkeit wertgeschätzt. Neben den Stärken und Leistungen des Jungen sind seine aktuellen Bedürfnisse, Triebe und Ängste zu (be-)achten.

Parteilichkeit bedeutet, dass wir uns als Männer mit den Problemen der Jungen solidarisieren – was sich als ständiges Spannungsfeld zwischen Empathie und Konfrontation, von Beziehungsangebot und eindeutiger Distanzierung von gewalttätigem Verhalten darstellt.

Ziellose Gewalt gegen Schwächere in Bekämpfung der wirklichen Ursachen (Widerstand gegen vereinnahmende oder erniedrigende Personen und Verhältnisse) zu verwandeln – diese Unterscheidung zu lehren ist eine wichtige Aufgabe unserer Jungenarbeit.

Dies kann nur gelingen, wenn wir Entfaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten eröffnen, die die Jungen dazu bewegen eigene Standpunkte und Werte zu entwickeln.

Erwachsene Jungenarbeiter müssen Jungen helfen begrenzende Erfahrungen und Erlebnisse ernst zu nehmen und für sich auszuwerten. Die Jungen sollen lernen, die Unterscheidung zu treffen, welches Tun verantwortbar ist und welche -Aktion- nur die Freiheit anderer verletzt.

Ziele und Zielgruppen

Bis zum Alter von ca.20 Jahren begleiten wir in der JUGZ die Entwicklung der Jungen zu jungen Männern. Weitergehende Angebote sind möglich, bilden aber die Ausnahme. Fernziel unserer Arbeit ist eine gelungene Entwicklung vom Kind zu einem reifen erwachsenen Mann, der sich aber auch mit 20 Jahren (und dann erst recht) noch um seine Weiterentwicklung bemüht. Bei der Formulierung unserer Ziele berücksichtigen wir deshalb die Erfordernisse der unterschiedlichen Altersgruppen. In der Jungenarbeit gilt es drei Altersgruppen zu unterscheiden:
- Jungen vor der Pubertät (bis ca.11 Jahre)
– Jungen am Anfang und in der Pubertät (ca. 12-15 Jahre)
– junge Männer (ca.16-20 Jahre)

Ausgehend von ihrem persönlichen Entwicklungsstand sollen Jungen …
¨ … erkennen, dass die Bilder vom Mann in den Medien, der Peer-Group und auch in den Äußerungen der meisten Erwachsenen stets Idealisierungen sind, die kein Mann je erreicht.
¨ … ihre persönlichen männlichen Stärken erleben und dadurch ihr Geschlecht als etwas besonders, etwas wertvolles schätzen lernen (Selbstwertsteigerung).
¨ … Alternativen zu ihren bisher erlernten Rollenstereotypen erproben können.
¨ … ihre Sprachlosigkeit über die eigenen Gefühle aufbrechen lernen.
¨ … die eigene Stresswahrnehmung steigern und ein konstruktives Streitverhalten entwickeln.
¨ … eine positive Vision für die eigene Männlichkeit entwickeln.

Diese groben Ziele sind zu präzisieren, zu ergänzen und in unterschiedlicher Weise mit Leben zu füllen. Dies zu leisten ist Aufgabe der einzelnen Einrichtungen, denn der Erfolg von Zielen und Angeboten hängt ab von Personen, – den Männern vor Ort.

Hürden und Einstiegsmöglichkeiten

Die zentrale Hürde/Herausforderung der Jungenarbeit ist der Zugang zur Zielgruppe. Alle pädagogischen Absichten mögen noch so gut und richtig sein. Von den Jungen angenommen werden neue Wege nur, wenn in ihrer Lebenswelt ein „Erfolg” für das veränderte Handeln erkennbar wird. Der Einstieg über die klassischen Negativbegriffe Gewalt, Alkohol, Kriminalität und Drogen erscheint schwer. Die klassisch-männlichen Verhaltensweisen hierzu sind in den Peer-Groups verfestigt. Eine Änderung des Verhaltens brächte für den Jungen zunächst nur Nachteile.

Welche Themen eignen sich besser? Wie können Jungen Stärken einbringen und neue erkennen?

· Jungen sind ansprechbar
durch Handeln, durch gemeinsames Tun.
Erlebnis- und Medienpädagogik, Angebote im Sport und im Kulturbereich können sowohl nur für Jungen, als auch koedukativ durchgeführt werden. – Sei es im offenen Bereich oder in Gruppen.

· Das große Thema Sexualität bietet viele motivierende Möglichkeiten zum Einstieg.
Die erste Freundin, flirten, Verhütung und Homosexualität – interessante Themen zuhauf, für Jungengruppen oder Jungenfahrten.

· Wichtig und dementsprechend interessant sind auch die Themen Schule und Beruf.
Hier erwarten Gesellschaft und persönliches Umfeld, dass Jungen und Männer Erfolg haben. Sie sollen Leistung erbringen, über Kreativität, Motivation und Verantwortungsgefühl verfügen, dazu Teamgeist und Lernbereitschaft zeigen und obendrein auch noch Durchsetzungs- und gleichzeitig Einfühlungsvermögen. Beratung in Einzelfällen oder Gruppen, Rollenspiele – vieles ist möglich.

WAS WIR MACHEN

 

Rahmenbedingungen in der JugZ

Die Jungenarbeit steht in der JugZ heute (Frühjahr 2000) am Anfang. Mehrere Kollegen erproben Angebote und befassen sich theoretisch mit dem Thema. Die bisherigen Erfahrungen sind eingeflossen in diesen ersten Text. Daher ist es erforderlich, gerade diesen Abschnitt des Rahmenkonzeptes jährlich fortzuschreiben. Für diese Arbeit wird den Mitarbeitern Zeit eingeräumt. Sie sollen an Arbeitskreisen, Fortbildungen und Tagungen zur Jungenarbeit teilnehmen.

Zwischenbilanz

Paradoxe Erwartungen werden an Jungen gestellt, nahezu unlösbar gegensätzlich: Sie sollen stark, beherrscht und dominant aber später als moderne Männer auch rücksichtsvoll, einfühlsam und zärtlich sein. Die Themen Sexualität und Beruf konfrontieren Jungen mit ihren Grenzen, die handlungsorientierten Angebote erweitern den persönlichen Horizont. – Hier wollen wir ansetzen. So schaffen wir gute Bedingungen für Jungenarbeit, – die Jungen wollen etwas von uns und wir können ihnen etwas bieten. Und immer wieder gilt: Alle Überlegungen und Ansätze mit und für bestimmte Jungen zu arbeiten, müssen laufend überprüft und auf sich verändernde junge Menschen angepasst werden. Wir arbeiten nicht abstrakt mit den Jungen, sondern immer mit diesem Jungen, in dieser bestimmten Situation. Er ist nicht schuld an allem was Männer der Gesellschaft, der Natur, den Frauen und den Kindern antun. Er ist in seinem Alter zunächst nur für sein Verhalten verantwortlich – daran wollen wir mit diesem Jungen und seinen Freunden arbeiten.

Jungen brauchen
spannende Gegenentwürfe zum Konkurrenzprinzip. Sie brauchen Freunde und Solidarität. So einfach ist das – und so verdammt schwierig.